Arbeite lieber ungewöhnlich

Vanessa Just in Ihrem Shop im citylab

Vor ein paar Monaten hat Andrea Kuhfuß einen neuen Job angenommen. Sie ist jetzt Agile Beraterin und Anforderungsmanagerin bei hec, eine Bremer Softwareentwicklungsfirma. So ungewöhnlich, wie diese Aufgaben klingen, ist auch ihr beruflicher Weg hierher. Sie war schon Büroangestellte bei einer Baufirma, einer Immobilienfirma und einem Steuerberater, hat zwischendurch mehrmals studiert, eine Promotion begonnen, war bei der Kunsthalle Bremen im Bereich „Bildung und Vermittlung“ tätig und hat schließlich als Innovationsmanagerin in Design und Kreativwirtschaft bei der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) gearbeitet.

„Mein Lebenslauf ist alles andere als klassisch“, bestätigt sie. „Ich bin immer mal wieder meinem Drang gefolgt, mich beruflich weiter zu entwickeln und rechts und links vom Wegesrand zu schauen.“ Auf den ersten Blick hat Andrea dabei selten auf ihren bisherigen Beruf aufgebaut. Nach der schulischen Ausbildung zur Wirtschaftsassistentin für Fremdsprachen und Korrespondenz und anschließend einigen Jahren Arbeit, studierte sie Anglistik und Kunstgeschichte. Wiederum ein paar Jahre später absolvierte sie berufsbegleitend den Hochschulstudiengang „Kultur- und Musikmanagement“. Da sind inhaltlich nicht immer deutlich Parallelen erkennbar. Wenn Andrea von ihrem beruflichen Lebensweg berichtet, scheint es so, als wenn sie immer wieder große Schritte gewagt hat. Manchmal wirkt es sogar so, als wenn der übernächste Schritt vor dem nächsten kam.

Der Rote Faden steckt im Detail

Auf den zweiten Blick aber wird klar: Es waren immer wieder bestimmte Themen und Interessensbereiche, die Andrea vorantrieben. „Früher wollte ich Dolmetscherin, Archäologin oder Astronautin werden“, erinnert sie sich. „Sprachen, Historisches sowie das Universum faszinierten mich.“ Tatsächlich sind viele dieser Elemente in ihren einzelnen Berufen zu finden. Das Sprachinteresse spiegelt sich in ihrer ersten Ausbildung zur Wirtschaftsassistentin für Fremdsprachen wider, Historisches fand Andrea während ihres Studiums der Kunstgeschichte. „Nur das mit der Astronauten-Ausbildung hat noch nicht geklappt“, erzählt sie lachend. Allerdings hat sie während ihres Jobs für die Wirtschaftsförderung an einem Projekt gearbeitet, in das auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) beteiligt war. „Da hatte ich meine Berührung mit dem Universum.“

Versuch macht klug

Andreas Berufsweg zeigt auch, dass man manchmal nach einer Abbiegung auch wieder zurücklaufen muss. „Manche Dinge gehen einfach nur über Ausprobieren, bevor man merkt, dass man sich in einer Sackgasse befindet“, beschreibt die Bremerin. Nach einem Auslandsaufenthalt in London, wo sie im Büro einer Baufirma arbeitete und ihr Cambridge-Certificate für Englisch bekam, ging sie zurück nach Bremen. Sie begann an der Hochschule Sinologie zu studieren, weil sie die chinesische Sprache reizte. Doch nach zwei Semestern brach sie ab. „Irgendwie konnte ich mich nicht damit identifizieren.“

Geradlinig, aber trotzdem ungewöhnlich

Im Gegensatz zu Andreas sieht Vanessa Justs Lebenslauf aus wie eine schnurstracks gezogene Linie. Nach dem Abitur studierte sie Wirtschaftswissenschaften in Kassel. Anschließend machte sie ihren Master in Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketing in Bremen. „Meine Masterarbeit habe ich bereits in einem Unternehmen geschrieben, in dem ich anschließend auch ein Jahr gearbeitet haben, im (Online-)Marketing und Produktmanagement“, erzählt die 27-Jährige.

Nicht das Wie, sondern das Was

Klingt erst einmal nach einem ganz klassischen Weg: Schule, Ausbildung, Job. Doch auch Vanessa ging ungewöhnliche Wege. Zu Beginn ihres Studiums dachte sie noch, dass sie eines Tages in einer guten Position als Angestellte arbeiten würde. Doch es kam ganz anders. „Im Laufe des Masterstudiums wuchs dann der Gedanke der Selbstständigkeit in mir – aber da hatte ich noch keine konkrete Idee. Später während meiner Arbeitszeit stellte ich mir vor, mal einen eigenen Onlineshop aufzubauen.“ Gesagt, getan. Sie machte sich mit ihrer eigenen Idee für einen Onlineshop selbstständig und verkaufte im Internet handgemachte Lebensmittel aus ganz Deutschland. Während sich der Shop langsam etablierte, erhielt sie über ein Zwischennutzungskonzept der WFB die Chance, ihr Online-Geschäft auch offline zu betreiben. Sie eröffnete 2016 ihren eigenen Laden im Citylab und verkauft hier seitdem vor allem Bremer handgemachte Produkte. „Das war eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen konnte“, berichtet Vanessa.

Keine Angst vor großen Schritten

So ein eigenes Geschäft bringt natürlich ganz andere Verpflichtungen und Verantwortung mit sich. Vanessa hat ganz schön viel Mut bewiesen mit der Eröffnung. Und seitdem auch ziemlich viel gelernt, wie sie erzählt: „Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man ganz klar wissen sollte, was man will. Ich hab zum Beispiel eine ganz klare Linie, welche Produkte in mein Konzept passen. Da musste ich auch erstmal lernen „nein“ zu sagen.“
Den Schritt in die Selbstständigkeit bereut Vanessa nicht. Allerdings möchte sie sich in Zukunft auch wieder mehr auf ihren Online-Shop und das Marketing konzentrieren. „Daher hab ich jetzt für den Verkauf im Laden meine Mutter als Unterstützerin angestellt“, erklärt sie.

Identifikation als Stichwort

Bei Vanessa und bei Andrea steht in beiden Fällen die Identifikation mit der eigenen Tätigkeit im Vordergrund. Wahrscheinlich hat ihnen das auch immer wieder Kraft verliehen, mutige Schritte zu gehen. Andrea absolvierte im vergangenen Jahr eine Weiterbildung zum Thema „Leading Digital Transformation and Innovation“. Dafür nahm sie extra einen Kredit bei der Bank auf. „Ich kann nur allen raten, auch mal mutig in die eigene Ausbildung zu investieren. Es zahlt sich aus“, betont sie. Ihre neue Spezialisierung ermöglichte ihr schließlich auch den Jobwechsel in das neue Unternehmen, wo sie sich jetzt schon so fühlt, als wenn sie dahin gehört.
Auch Vanessa hat gewagt und gewonnen. Sie hat sich in ihrem Berufszweig genau die Themen gesucht, mit denen sie sich identifizieren kann: „Ich könnte nicht Marketing für etwas machen, das gegen meine Überzeugungen geht“, sagt sie. Daher habe sie auch in verschiedene Branchen hinein geschnuppert und sich schließlich mit der Vermarktung der Produkte selbstständig gemacht, für die ihre Leidenschaft groß ist.

Hör auf dein Herz

So individuell wie die Menschen sind, sind auch ihre beruflichen Wege. Das lässt sich ohne Weiteres behaupten. Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele von Berufswegen, die nicht geradlinig verlaufen sind und dennoch zum Ziel geführt haben. Der gelernte Holzmechaniker, der heute als Bauleiter bei einem Architekten arbeitet. Die ausgebildete Tischlerin, die inzwischen in einer Eventagentur als Projektmanagerin angestellt ist. Der frühere Zimmerer, der nach langjähriger Selbstständigkeit sich noch höher hinauf gewagt hat und heute für eine Windradfirma als Industriekletterer unterwegs ist. Keiner hätte wohl zu Beginn des Berufsweges sagen können, welchen Weg er oder sie in ein paar Jahren einschlagen würden. Vielleicht haben sich ihre Berufsziele geändert, sicherlich hat auch der Wandel des Arbeitsmarktes dazu beigetragen.


Andrea Kuhfuß gibt den Tipp: „Ich finde es wichtig, auf sein Herz zu hören. Das erzählt einem oft schon ziemlich genau, was man möchte.“ Dabei sei es wichtig, sich nicht einschüchtern zu lassen. Natürlich sei ein Abwägen immer wichtig und die Entscheidungen sollten gut durchdacht sein. Aber dann seien den Richtungsänderungen keine Grenzen gesetzt. „Es gibt einfach keine falschen Abzweigungen, weil man aus jedem Schritt lernt“, fasst Andrea zusammen.
Die Geschichten zeigen eines: Auch kurvige Lebensläufe mit Umwegen und Abstechern führen zum Erfolg. Die beiden vorgestellten Frauen bewiesen vor allem eines: Ziemlich viel Mut in ihren Entscheidungen – und keine von ihnen bereut auch nur einen einzigen der vielen Schritte, die sie gemacht hat.


zurück